Opiate
 
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Mohnkapsel, angeritzt Gruppenbezeichnung der Wirkstoffe des Schlafmohns (botanischer Name: Papaver somniferum), vor allem Opium, Morphium, Heroin und Codein, siehe Strukturformeln.

Der weißblühende Mohn wächst vor allem im Iran, Kurdistan, Aserbeidschan, im Balkan, in Bulgarien, Jugoslawien und der Osttürkei, im nahen Osten in Persien, Libanon und Afghanista, im fernen Osten in Indien und Pakistan, in Asien in China, Vietnam und vor allem im "Goldenen Dreieck" zwischen Burma, Laos und Thailand, sowie in Mittelamerika in Mexiko und Kolumbien.

Die wichtigsten Opiat-Arten sind:

  • Opium, der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns mit den Wirkstoffen Morphin und Codein
  • Morphium, chemisch reine Form des Morphins, dem wichtigsten der 25 Opiumalkaloide
  • Heroin oder Diacetylmorphin entsteht durch eine chemische Reaktion von Morphin und Essigsäure, wurde 1898 erstmals in den Elberfelder Farbenfabriken hergestellt und sollte vor allem Morphinsüchtige von der Abhängigkeit heilen, da irrtümlich angenommen wurde, dass es -im Unterschied zu Morphium- nicht süchtig mache.
  • Codein, Monomethylether des Morphins, vor allem in bestimmten verschreibungspflichtigen Hustensäften vorhanden, um den Hustenreiz zu dämpfen.

Historisch ist Laudanum als Opiat-Zubereitung zu erwähnen, die bereits von Paracelsus im 16. Jahrhundert verwendet wurde.

Physiologische Wirkung

Die physiologische Wirkung der Opiate besteht vor allem in einer Schmerzlinderung, sie können bei zunehmender Dosierung auch Krämpfe auslösen. Untersuchungen von R. Tremmel (1975) weisen auf bestimmte Chemorezeptoren im Gehirn hin, sogenannte Opiatrezeptoren, vor allem im "Limbischen System" und in der "Amigdalae", in denen Opiate bevorzugt anlagern. Diese Hirngebiete spielen vor allem bei Furcht- und Fluchtreaktionen eine Rolle sowie bei der emotionalen und affektiven Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen. In diesen Hirnregionen vermag Morphin die Leitungswege für Schmerzen zu beeinflussen (schmerzlindernde Wirkung) und Euphorie auszulösen (euphorisierende Wirkung).

Psychische Wirkung

Ein Opiumraucher gerät psychisch in einen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen, bei erhaltenem Bewußtsein steigen -häufig erotische- Traumbilder auf. Stärker als Opium wirken Morphin und Heroin, die direkt unter die Haut, in den Muskel oder intravenös injiziert werden. Opiatkonsumenten (Scene- Begriff: Fixer) schildern die Wirkung als Abfolge von dem sogenannten "Flash" (Blitz), einer kurzfristigen Euphorie und "Feeling", einem etwas länger andauernden Glücksgefühl. Diese psychischen Wirkungen führen nach häufigerem Gebrauch vor allem zu zunehmender psychischer Abhängigkeit, die im Unterschied zu halluzinogenen Drogen, wie z.B. Cannabis, von einer starken körperlichen Abhängigkeit begleitet wird.

Körperliche Abhängigkeit

Bereits nach vier- bis funfmaligen Opiatinjektionen kann es zu starken Suchtsymptomen kommen. Zur Erzielung der gleichen angestrebten Wirkung müssen immer höhere Dosen injiziert werden (Dosisteigerung). Beim Nachlassen der Drogenwirkung (nach etwa 4 Stunden) sowie bei einer Dosisminderung oder beim Absetzen der Opiate kommt es zu körperlichen "Abstinenzerscheinungen"(Entzugssymptomen), die Grippesymptomen ähneln , wie Nasenlaufen, Gliederschmerzen und Diarrhoe. Hinzu kommen psychische "Entzugserscheinungen" wie Reizbarkeit und Depressionen.

Bei chronischem Opiatkonsum wird ein körperlicher Abbau sichtbar: fahles Aussehen, Auszehrung, Schweißausbrüche, Magen-Darm-Störungen, Hautausschläge und Spritzenabszesse, Angina-Pectoris-Anfälle, sexuelle Störungen mit Dys- und Amenorrhoe oder Potenzstörungen mit Keimdrüsenschäden. Hinzu kommen drogenbedingte Infektionskrankheiten, vor allem Hepatitis C und dadurch bedingte Leberschäden, und in den letzten Jahren HIV-Infektionen und AIDS.

Während Erbschäden (teratogene Wirkungen) bei Kindern von Opiatabhängigen bisher nicht festgestellt wurden, zeigen Neugeborene von Müttern, die während der Schwangerschaft morphin- oder heroinabhängig waren, eindeutige Entzugssymptome (sog. "Heroin-Babies"). Sie benötigen daher einen körperlichen Entzug mit Methadon als Substitutionsmittel.

Sozialer Drop Out

Zum psychischen und intellektuellen Abstieg kommt der soziale Drop-out, der Abbruch von Familienbeziehungen, Schul- und Berufsausbildung sowie häufig eine durch den Drogenerwerb bedingte Folgekriminalität (z.B. Apothekeneinbrüche, Rezeptfälschungen, Ladendiebstahl, Raub u.ä.) sowie bei weiblichen Opiatabhängigen häufig Prostitution.

Entzug

Die Behandlung des akuten Opiatentzugssydroms kann mit dem Wirkstoff Clonidin, (Paracefan®) erfolgen. Nach erfolgreicher Opiatentwöhnung kann die Therapie durch Naltrexon (Nemexin®) unterstützt werden.

Geschichte

Bereits die Griechen nutzten die aus den Mohnkapseln gewonnene Milch als Rauschmittel und gaben ihr den Namen "Opium" (griech. Saft), im arabischen und persischen Raum sowie in China wurde Opium in Pozellan- oder Wasserpfeifen geraucht. Im 19. Jahrhundert breitete sich der Opiatkonsum auch in Europa aus, in England unter Industriearbeitern und in Frankreich zunächst unter Intellektuellen (z.B. Ch. Baudelaire : "Ein Opiumesser", 1816). Während in Deutschland bis in die 70er Jahre bei Opiatkonsumenten medizinisches Personal überwog, das vor allem Morphium injizierte ("klassische Morphinisten"), breitete sich seit 1980 in einer Drogenwelle aus England und den USA der Opiatkonsum verstärkt unter Jugendlichen aus. In Berlin wurde im Verlauf dieser Drogenwelle dabei ein Übergang auf immer stärker wirkende Opiate deutlich, und zwar von Opium-Tinktur (Scene-Begriff: "O") über die sogenannte Berliner Tinke (ein Gemisch aus Rohopium und Essigsäure) bis zum Heroin.

Lit.: Tremmel, R.: Wirkmechanismus der Droge, Süddeutsche Zeitung vom 24.Oktober 1975, zitiert nach Schmidbauer, v.Scheidt, 1989
Baudelaire, Ch.: Die künstlichen Paradiese, Hamburg, 1964
Herz, A., Bläsig, J. : Die Opiatsucht: Neue Forschungsperspektiven. In: Der Nervenarzt 50:205-211, 1979

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Letztes Update dieser Seite: 01.05.2010 - IMPRESSUM - FAQ